Artikel für LIBRATUS Magazin 1/2025
„Hitzetod“ ist keine medizinische Diagnose. Wie werden also die Zahlen der „Hitzetoten“ ermittelt, die alljährlich durch die Medien geistern? Wer landet in der Statistik und warum? Und was könnte wirklich hinter den erhöhten Sterbezahlen stecken? Eine Analyse aus Ärztesicht.
Von der Wissenschaftlichen Initiative Gesundheit für Österreich
Hitze ist ohne Frage eine Belastung für den menschlichen Organismus und macht vor allem alten Menschen und Personen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen oft zu schaffen. In den letzten Jahren verbreiten jedoch Schlagzeilen wie „Schock-Studie – Immer mehr Hitzetote in Österreich“ (heute.at 2.7.2025) oder „Klimawandel verursacht Millionen zusätzliche Hitzetote in Europa“ regelmäßig (forschung-und-wissen.de, 29.1.2025) Angst und Schrecken. Ärzte, die direkt mit Patienten zu tun haben und die gleichzeitig mit wissenschaftlichen Methoden vertraut sind, schütteln angesichts solcher Schlagzeilen den Kopf.
Zahlenspiele: Modellrechnung statt Realität
Denn „Hitzetod“ ist keine medizinische Diagnose. Menschen sterben zum Beispiel an Herzinfarkten, Kreislaufversagen, Multi-Organversagen oder auch bei Unfällen. Woher stammen also diese Zahlen, die unter dem Begriff „Hitzetote“ zusammengefasst werden? – Sie beruhen auf statistischen Schätzungen, ohne die wahren Todesursachen zu berücksichtigen. Dabei vergleicht man die in der jeweiligen Jahreszeit erwarteten mit den tatsächlich aufgetretenen Todesfällen. Sterben in einer bestimmten Kalenderwoche mehr Menschen als im Vergleichszeitraum der Vorjahre, so ergibt sich eine Übersterblichkeit. Eine längst übliche Berechnungsmethode. Neu ist die Schätzung der Hitzetoten: Lagen die Temperaturen nämlich in dieser konkreten Woche über einem definierten Schwellenwert, werden diese „zu viel Gestorbenen“ seit einigen Jahren als Hitzetote gezählt. Unabhängig von den tatsächlichen Todesursachen.
Deutschland: Wie Durchschnittsrechnungen „Hitzetote“ produzieren
Wie Hitzetote berechnet werden, ist dabei nicht einheitlich definiert und wird auch in den verschiedenen Ländern unterschiedlich gehandhabt – auch innerhalb der EU. So veröffentlicht das Robert-Koch-Institut (RKI) in Deutschland „Wochenberichte zur hitzebedingten Mortalität“, in denen die geschätzte Anzahl der Hitzetoten nach Altersgruppen und Geschlecht angegeben wird. „Hitze“ beginnt für das RKI ab einer mittleren Wochentemperatur von „etwa 20ºC.“ Diese ergibt sich aus dem Durchschnitt der Tages- und Nachttemperaturen einer Woche von 52 Wetterstationen in ganz Deutschland. Das heißt im Klartext: Ein Todesfall in Norddeutschland bei 15ºC kann zu den Hitzetoten gezählt werden, wenn die Mitteltemperatur in ganz Deutschland in dieser Woche über „etwa 20ºC“ lag.
Österreich: Neudefinition sorgt für mehr Drama
Auch die AGES in Österreich veröffentlicht ein „Hitze-Mortalitäts-Monitoring“, in dem sie die Hitze-Todesfälle angibt. Anders als in Deutschland, werden hier die Nachttemperaturen als Hitze-Schwellenwert herangezogen. Als „heiße Wochen“ gelten dabei laut Definition auf der AGES-Website „Wochen mit heißen Nächten und Verwendung der Temperatur (Tagesminimum) der heißesten Nacht dieser Woche als Referenzwert, sobald diese über 18°C liegt (in Anlehnung an die Definition einer Tropennacht).“
Alle überzähligen Todesfälle, die in einer solchen „heißen Woche“ gemeldet werden, zählen daher als Hitzetote. Bei dieser Zählweise genügt es, wenn zumindest in einer Nacht innerhalb dieser Woche die Temperatur nicht unter 18ºC sinkt, unabhängig davon, ob der Todesfall überhaupt in einer heißen Region aufgetreten ist.
Interessant ist in diesem Zusammenhang die offizielle Definition von Tropennacht als „Nacht, in der die niedrigste Lufttemperatur nicht unter 20ºC sinkt“. Mit welchem Argument die AGES hier auf 18ºC nachbessert, bleibt ein Rätsel. Fakt ist, dass dadurch automatisch mehr „Tropennächte“ und damit mehr Hitzetote in die Statistik eingehen können.
Sowohl RKI als auch AGES veröffentlichen also bloße Modellrechnungen mit massiven methodischen Schwächen. Doch die absoluten Zahlen der Todesfälle sind statistisch erhoben und korrekt. Und auch die fallweise Übersterblichkeit ist nachvollziehbar und sauber errechnet. Nur die Gründe dafür sind – noch – nicht erwiesen.
Eis-Essen als Sterberisiko?
Dass die Hitze der auslösende Todesfaktor war, kann in den besagten Modellrechnungen nicht nachgewiesen werden. Selbst dann nicht, wenn „hitzebedingte Mortalität“ im – irreführenden – Titel steht. Mit den oben ausgeführten Methoden können diese Modellrechnungen lediglich eine Korrelation, also einen statistischen Zusammenhang, feststellen, jedoch keine Kausalität nachweisen. Sie können eben nicht beweisen, dass die Hitze der auslösende Todesfaktor war. Theoretisch könnte man mit denselben Temperatur- und Mortalitätsdaten auch eine Statistik erstellen, dass Eis-Essen das Sterberisiko erhöht.
Diese wichtige Unterscheidung zwischen Korrelation und Kausalität wird in diesem Zusammenhang völlig ignoriert. Die Zahlen werden als Fakten dargestellt, was aus wissenschaftlicher Sicht falsch ist.
Unerklärte Übersterblichkeit
Auch während der Corona-Zeit nahm man es mit der Zählweise von „an oder mit Corona Verstorbenen“ nicht so genau. Kausalität und Korrelation wurden einfach in denselben Topf mit der Aufschrift „Corona-Tote“ geworfen. Mehr wissenschaftliche Genauigkeit wurde und wird aber bei Verdacht auf Impfschäden eingefordert, wo ein Nachweis der Kausalität ausdrücklich verlangt wird. Tatsächlich gibt es seit 2021 eine anhaltende und bisher unerklärte Übersterblichkeit – auch in kalten Ländern. Dies wird ohne Beweise auf Hitze, Kälte, Umweltverschmutzung, Computerspiele, zu kaltes oder zu heißes Duschen und vieles mehr geschoben. Werden Menschen tot am Strand aufgefunden, berichten Medien über „Hitzetote in Apulien“ – ungeachtet der Tatsache, dass „plötzliche und unerwartete Todesfälle“ seit Beginn der SARS-CoV2-Impfprogramme deutlich zugenommen haben. Hier wird mit zweierlei Maß gemessen, was in der Wissenschaft ein absolutes No-Go sein sollte.
Und dennoch: Hitze kann gefährlich werden
Trotz dieser Mängel zeigt sich in den Sterblichkeitszahlen eine eindrucksvolle Altersabhängigkeit der sogenannten „Hitzetoten“. Und es ist bekannt, dass viele von ihnen aus Altersheimen stammen. Eine sinnvolle Maßnahme wäre es daher, die seit Langem dringend notwendigen Klimaanlagen in Krankenhäusern und Pflegeheimen zu installieren. Der Einbau von Klimaanlagen in Ministerbüros und den Verwaltungstrakten von Gesundheitseinrichtungen scheint höhere Priorität zu haben.
Doch anstatt gefährdete Gruppen mit praktischen Maßnahmen zu schützen, wird lieber Geld in die Verbreitung allgemeiner Panik gesteckt. So räumt das österreichische Sozialministerium in seinem Nationalen Hitzeschutz-Plan verschiedenen Temperatur-Frühwarnsystemen und Informationen über die Gefahren von Hitze viel Platz ein. Und auch die Medien helfen mit reißerischen Schlagzeilen über „tödliche Hitzewellen“ fleißig mit, den Menschen Angst vor Temperaturen über 20 Grad einzujagen.
Was es für ein gesundes Österreich braucht
Damit unser Gesundheitswesen wieder der Gesundheit der Menschen dient, braucht es vor allem die Rückkehr zu einer evidenzbasierten Wissenschaft, die unabhängig von politischen- und Konzerninteressen agieren kann. Auch Medien sollten ihre Unabhängigkeit neu entdecken und ihre Aufgabe als vierte Instanz im Staat wieder erfüllen. Für jeden einzelnen Menschen ist es wichtig, wieder mehr Selbstkompetenz zu erlangen und ein gesundes Körperbewusstsein zu entwickeln. Dann kommen auch keine jungen Menschen mehr ins Krankenhaus, weil sie an heißen Tagen einfach nicht genug getrunken haben. Und man wird auch keine übergewichtigen Senioren mehr sehen, die mit hochrotem Kopf in der Mittagshitze Sport treiben.
Generelle Angst vor höheren Temperaturen zu entwickeln, ist aus gesundheitlicher Sicht jedenfalls nicht angezeigt: Die Menschheit schaffte es auch bisher, sich an wechselnde Klimaverhältnisse anzupassen.
Hier geht es zum LIBRATUS Magazin:
Links
https://www.ages.at/umwelt/klima/klimawandelanpassung/hitze
https://www.gesundheit-oesterreich.at/neue-panikwelle-menschengemachter-klimawandel/
https://www.heute.at/s/bis-zu-45-grad-5-hitzetote-an-straenden-in-sueditalien-120120808
https://www.sozialministerium.gv.at/Themen/Gesundheit/Hitze/Nationaler-Hitzeschutzplan.html

